RSV-Schutz für alle Kinder unter zwei Jahren

Das Projekt auf einen Blick:

  • Worum geht es? Schutz vor schweren Verläufen von RSV-Infektionen bei Kindern bis zu einem Alter von zwei Jahren.
  • Was umfasst das Projekt? EFCNI und eine Gruppe führender RSV-Expertinnen und -Experten legen gemeinsam die Chancen, Herausforderungen und Grenzen des RSV-Schutzes für alle Kinder unter zwei Jahren in einem Positionspapier und einem wissenschaftlichen Fachbeitrag dar.

©Kateryna Kon/Shutterstock

Das Respiratorische Synzytialvirus, kurz RSV, ist der häufigste Auslöser akuter Erkrankungen der unteren Atemwege im Säuglings- und Kleinkindalter [1], [2]. RSV tritt ähnlich der jährlichen Influenza in Wellen auf: in der gemäßigten nördlichen Hemisphäre meist von November bis März mit dem Höhepunkt um den Jahreswechsel [3].

Innerhalb der ersten beiden Lebensjahre hat nahezu jedes Kind eine RSV-Infektion durchlaufen [4]. Meist bleibt es bei der Infektion der oberen Atemwege mit erkältungsähnlichen Symptomen wie Husten, Fließschnupfen und Fieber. Bei einem Teil der Kinder breitet sich die Infektion jedoch auf die unteren Atemwege aus, am häufigsten als Bronchiolitis [5] oder Lungenentzündung. Häufige Symptome hierfür sind u.a. Atemnot, verschiedene Atemgeräusche und verringerter Sauerstoffgehalt im Blut [5]. Nach schwerer Infektion können als Spätfolgen wiederkehrendes Wheezing (pfeifende Atemgeräusche) und Asthma auftreten [12].

Der schwere Verlauf muss stationär behandelt werden. Faktoren für ein erhöhtes Risiko für solche schweren Verläufe umfassen Frühgeburt, angeborene Herzfehler und weitere schwere Vorerkrankungen [6], [7]. Rund 70-80% der RSV-Krankenhausaufenthalte betreffen jedoch gesunde, reifgeborene Kinder ohne Risikofaktoren . Ob eine Erkrankung leicht oder schwer verläuft, lässt sich bisher nicht vorhersagen.

Jährlich sind weltweit etwa 33 Millionen Kinder unter fünf Jahren von einer akuten Infektion der unteren Atemwege durch RSV betroffen, davon werden etwa 3 Million stationär behandelt und 60.000 versterben im Krankenhaus [2].

Mit der Reifung des Immunsystems tritt die RSV-Infektion kaum noch mit Symptomen auf. So nimmt die Anzahl der Infektionen in Krankenhausbehandlung nach dem zweiten Lebensjahr deutlich ab [11].

Bisher stehen zum Schutz vor RSV-Infektionen keine aktiven Impfstoffe zur Verfügung. Auch seitens der Therapie empfehlen die meisten Leitlinien ausschließlich unterstützende Maßnahmen wie Sauerstoffgaben und Sekretabsaugung. Ein zugelassenes antivirales Medikament wird aufgrund der Nebenwirkungen und nicht gänzlich geklärter toxischer Wirkung nur in geringem Maße eingesetzt.

Der einzige nachweislich wirksame Schutz vor einem schweren Verlauf der RSV-Infektion ist eine passive Immunisierung mit einem monoklonalen Antikörper, der seit den 1990er Jahren für Kinder mit hohem Risiko zugelassen ist. Dieser wird während der RSV-Saison in monatlichen Injektionen verabreicht.  Für Kinder ohne Risikofaktoren steht diese Immunisierung nicht zur Verfügung. In mehreren Studien wird derzeit zur verbesserten RSV-Prophylaxe geforscht, um allen Kindern unter zwei Jahren Schutz vor einer RSV-Infektion mit schweren Verlauf bieten zu können.

Ziel dieses Projektes von EFCNI ist es daher, zusammen mit einer Gruppe aus deutschsprachigen RSV-Expertinnen und -Experten die Chancen, Herausforderungen und Möglichkeiten einer RSV-Prophylaxe für alle Kinder unter zwei Jahren zu erörtern.

EFCNI erörtert bei zwei Roundtables zusammen mit führenden Expertinnen und Experten rund um die Gesundheit von Säuglingen und Kleinkinder die Chancen, Herausforderungen und Grenzen des RSV-Schutzes für alle Kinder unter zwei Jahren. Dabei sind unterschiedliche Fachdisziplinen von der Neonatologie, pädiatrischen Infektiologie, Kinderkardiologie und -pulmologie bis hin zur Virologie, allgemeinen Pädiatrie und Kinderkrankenpflege, Fachleute aus der Geburtshilfe und Schwangerenversorgung vertreten. Die Elternperspektive nimmt hier zudem eine wichtige Rolle ein.

Auf Basis der Ergebnisse dieser Diskussionsrunden werden sowohl ein gemeinschaftliches Positionspapier als auch ein wissenschaftlicher Beitrag in einer Fachzeitschrift erarbeitet.

Teilnehmende der ExpertInnengruppe (in alphabetischer Reihenfolge):

Dr. Philipp Agyeman
Inselspital, Universitätsspital Bern, Kinderinfektiologie

Professorin Angelika Berger
Medizinische Universität Wien, Klinische Abteilung für Neonatologie, Pädiatrische Intensivmedizin und Neuropädiatrie; Vorstandsmitglied ÖGfPPM und GNPI

Katarina Eglin
Bundesverband “Das frühgeborene Kind”

Professorin Ursula Felderhoff-Müser
Universitätsklinikum Essen, Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, Klinik für Kinderheilkunde I/ Perinatalzentrum; Vizepräsidentin DGKJ

Dr. Thomas Fischbach
niedergelassener Kinderarzt in Solingen; Präsident BKVJ

Professorin Mechthild Groß
Medizinische Hochschule Hannover, Forschungs- und Lehreinheit Hebammenwissenschaft

Dr. Julia Lemmer
Deutsches Herzzentrum München, Zentrum univentrikuläres Herz

Professor Egbert Herting
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin

Professor Johannes Hübner
Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital, Infektiologie

Professor Johannes Liese
Kinderklinik und Poliklinik des Universitätsklinikums und der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Pädiatrische Infektiologie und Immunologie

Birgit Pätzmann-Sietas
Berufsverband Kinderkrankenpflege Deutschland, Vorstandsmitglied

Dr. Monika Redlberger-Fritz
Medizinische Universität Wien, Zentrum für Virologie; Nationales Impfgremium

Professor Bernhard Resch
Medizinische Universität Graz, Klinische Abteilung für Neonatologie; Univ. Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde; Vorstandsmitglied ÖGfPPM

Professor Volker Strenger
Medizinische Universität Graz, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Klinische Abteilung Pädiatrische Pulmonologie und Allergologie; Leiter ÖGKJ AG Infektiologie

Professor Tobias Tenenbaum
Sana Klinikum Lichtenberg, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin; Präsident DGPI

Dr. Johannes Trück
Universitäts-Kinderspital Zürich, Immunologie

Nach dem ersten digitalen Roundtable am 24. März fand das zweite Treffen der Expertinnen und Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz am 5. April 2022 ebenfalls online statt. Bei beiden Diskussionsrunden wurde das Thema „RSV-Schutz für alle Kinder unter zwei Jahren“ aus der Sicht verschiedener Disziplinen beleuchtet. Anhand des konstruktiven Meinungs- und Gedankenaustausches zum Thema wurde das Konzept des gemeinsamen Positionspapiers erarbeitet und erste wichtige Punkte zu den Unterthemen Chancen, Herausforderungen und Grenzen eines RSV-Schutzes für alle Kinder unter zwei Jahren zusammengetragen und erörtert.

Vertreten sind in dem Projekt die Fachbereiche allgemeine Pädiatrie, Neonatologie, pädiatrische Intensivmedizin, pädiatrische Infektiologie, pädiatrische Immunologie, Virologie, pädiatrische Pulmonologie, pädiatrische Kardiologie, Hebammenwissenschaft und zudem die Perspektive der Pflegeberufe und der Eltern.

Unser herzlicher Dank geht an alle Expertinnen und Experten, die Ihre wertvolle Expertise für dieses Projekt zur Verfügung stellen und sich rege und konstruktiv an den Diskussionen beteiligt haben.

  • [1] H. Nair u. a., „Global burden of acute lower respiratory infections due to respiratory syncytial virus in young children: a systematic review and meta-analysis“, Lancet Lond. Engl., Bd. 375, Nr. 9725, S. 1545–1555, Mai 2010, doi: 10.1016/S0140-6736(10)60206-1.
  • [2] T. Shi u. a., „Global, regional, and national disease burden estimates of acute lower respiratory infections due to respiratory syncytial virus in young children in 2015: a systematic review and modelling study“, The Lancet, Bd. 390, Nr. 10098, S. 946–958, Sep. 2017, doi: 10.1016/S0140-6736(17)30938-8.
  • [3] P. Obando-Pacheco u. a., „Respiratory Syncytial Virus Seasonality: A Global Overview“, J. Infect. Dis., Bd. 217, Nr. 9, S. 1356–1364, Apr. 2018, doi: 10.1093/infdis/jiy056.
  • [4] P. L. Collins und B. S. Graham, „Viral and host factors in human respiratory syncytial virus pathogenesis“, J. Virol., Bd. 82, Nr. 5, S. 2040–2055, März 2008, doi: 10.1128/JVI.01625-07.
  • [5] C. B. Hall u. a., „The Burden of Respiratory Syncytial Virus Infection in Young Children“, N. Engl. J. Med., Bd. 360, Nr. 6, S. 588–598, Feb. 2009, doi: 10.1056/NEJMoa0804877.
  • [6] S. Bianchini, E. Silvestri, A. Argentiero, V. Fainardi, G. Pisi, und S. Esposito, „Role of Respiratory Syncytial Virus in Pediatric Pneumonia“, Microorganisms, Bd. 8, Nr. 12, Art. Nr. 12, Dez. 2020, doi: 10.3390/microorganisms8122048.
  • [7] G. Piedimonte und M. K. Perez, „Respiratory Syncytial Virus Infection and Bronchiolitis“, Pediatr. Rev., Bd. 35, Nr. 12, S. 519–530, Dez. 2014, doi: 10.1542/pir.35.12.519.
  • [8] C. S. Arriola u. a., „Estimated Burden of Community-Onset Respiratory Syncytial Virus–Associated Hospitalizations Among Children Aged <2 Years in the United States, 2014–15“, J. Pediatr. Infect. Dis. Soc., Bd. 9, Nr. 5, S. 587–595, Nov. 2020, doi: 10.1093/jpids/piz087.
  • [9] B. Rha u. a., „Respiratory Syncytial Virus–Associated Hospitalizations Among Young Children: 2015–2016“, Pediatrics, Bd. 146, Nr. 1, S. e20193611, Juli 2020, doi: 10.1542/peds.2019-3611.
  • [10] C. B. Hall u. a., „Respiratory syncytial virus-associated hospitalizations among children less than 24 months of age“, Pediatrics, Bd. 132, Nr. 2, S. e341-348, Aug. 2013, doi: 10.1542/peds.2013-0303.
  • [11] N. Jounai u. a., „Age-Specific Profiles of Antibody Responses against Respiratory Syncytial Virus Infection“, EBioMedicine, Bd. 16, S. 124–135, Feb. 2017, doi: 10.1016/j.ebiom.2017.01.014.
  • [12] T. Jartti u. a., „Bronchiolitis needs a revisit: Distinguishing between virus entities and their treatments“, Allergy, Bd. 74, Nr. 1, S. 40–52, 2019, doi: 10.1111/all.13624.

EFCNI bedankt sich für die finanzielle Unterstützung zur Durchführung des Projektes in Höhe von 135.000€ bei der Sanofi Aventis GmbH.

Die Empfehlungen werden von der interdisziplinären EFCNI-ExpertInnengruppe zum RSV-Schutz für alle Kinder unter zwei Jahren unabhängig entwickelt.